dinsdag 8 juni 2010

LASST UNS TRINKEN


 

(Litanei oder Gebet ohne Ende, mit Dank an Rosseau, Chastellux, Bentham, Helvétius und andere; sie geben diesem Gedicht Gewicht)

 

 

Trinken wir auf die Ratten. Lasst uns trinken.

 

Trinken wir auf die Ratten, die das Schiff verlassen. Lasst uns trinken.

 

Auf den Kapitän, dessen Name mir jetzt nicht einfällt. Lasst uns trinken.

 

Auf den Kapitän, der bleibt, wenn das Schiff schon sinkt. Lasst uns trinken.

 

Auf das Orchester, das spielt, das Wasser an den Lippen. Lasst uns trinken.

 

Auf das Orchester, das unter Wasser weiterspielt. Lasst uns trinken.

 

Und immer weiterspielt. Lasst uns trinken.

 

Horcht, wie die Klarinetten klingen! Lasst uns trinken.

 

Und die Posaunen! Lasst uns trinken.

 

Und das Piano, unter Wasser! Lasst uns trinken.

 

Auf das Meer! Lasst uns trinken.

 

Auf das Meer und seine Wellen und das ewige Rauschen, das es selbst nicht hört. Lasst uns trinken.

 

Auf das ewige salzige Sausen und Brausen. Lasst uns trinken.

 

Auf das Meer, das unbändig aus sich selbst hervorschnellt und gierig sich wieder austrinkt. Lasst uns trinken.

 

Trinken wir auf die Fische und alles, was im Wasser wimmelt und krabbelt. Lasst uns trinken.

 

Auf die Krabbe und den Krebs. Lasst uns trinken.

 

Auf die lieben Einsiedlerkrebse, die verdammt sind, allein zu leben. Lasst uns trinken.

 

Ob sie trinken, weiß ich nicht. Lasst uns trinken.

 

Und auf die Auster. Lasst uns trinken.

 

Auf die Auster, denkbar auch als Sexualsymbol , mit oder ohne Zitrone. Lasst uns trinken.

 

Auf die Auster und die Languste. Lasst uns trinken.

 

Auf den Tintenfisch, der - und darin gleicht er einem Schreiber - sich hinter seiner braunschwarzen Tinte versteckt. Lasst uns trinken.

 

Auf die Seegurke. Lasst uns trinken.

 

Auf die schwarze Seegurke, die den Meeresboden nach Detritus abgrast und heftig reagiert, sobald man sie berührt. Lasst uns trinken.

 

Vergessen wir die Seegurke, die – sie kann nicht anders -  gewissermaßen einem Dichter gleicht. Lassen wir ihn in aller Ruhe essen, dichten und trinken. Lasst uns trinken. 

 

Auf die Dichter unter uns! Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen unter uns, die irritiert sind, gelangweilt und mutlos, die nach etwas Höherem und Stärkerem dürsten. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die über uns gestellt und folglich gelangweilt und ratlos sind. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die wir das nächste Mal wählen werden. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die wir bei der nächsten Wende wie einen heißen Stein fallen lassen. Lasst uns trinken.

 

Oder die von selbst ihr Gesicht verlieren. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die uns das Blut aussaugen. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die uns schätzen, aber es nicht wissen. Lasst uns trinken.

 

Auf jene, die gierig und immer gieriger sich zum Sklaven ihrer Gier machen. Lasst uns trinken.

 

Auf die Herrscher Schmerz und Lust, denen wir alle unterworfen sind, die uns vorschreiben, was wir denken sollen, und die bestimmen, was wir tun und lassen müssen, die uns mit sichtlichem Vergnügen ein wachsendes Unbehagen bereiten, das nagt und nagt und weiter nagt. Lasst uns trinken.

 

Denn der Geist findet keine Befriedigung. Und immer wieder ist da die Abscheu und immerfort das Verlangen. Beide sind nur vorläufig. Denn ewig ist die Bewegung und alles leidet unzweifelhaft an dem Zweifel. Lasst uns trinken.

 

Möge dies ein Versuch sein, um das Bewusstsein zu heilen. Lasst uns trinken.

 

*

 

Lasst uns trinken! Lasst uns trinken auf diejenige, die uns zum ersten Mal trinken ließ. Lasst uns trinken.

 

Die uns die Brust gab und sich auf Instinkte verließ. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenige, die in der Nacht mit dem warmen Fläschchen herbeieilte. Lasst uns trinken.

 

Auf den Erfinder der Schulmilch, der Limonade. Lasst uns trinken.

 

Auf den Erfinder des Schnullers und des geknickten Trinkhalms. Lasst uns trinken.

 

Auf den Erfinder des Wippbechers. Lasst uns trinken.

 

Heben wir das Glas und - lasst uns trinken.

 

Auf den Glasbläser - lasst uns trinken.

 

Auf den Klingklang - lasst uns trinken.

 

Auf den Bläser der Flasche, der darin seine Seligkeit sah. Lasst uns trinken.

 

Und auf den Geist der Liebe, der uns jedes Mal wieder verprellt. Lasst uns trinken.

 

Auf die erste Liebe, die zu früh kam. Lasst uns trinken.

 

Auf die Niete, die aus der Flasche kam. Lasst uns trinken.

 

Den Brief von X, unterzeichnet mit XXX. Lasst uns trinken.

 

Auf die Liebe, die zu spät kam oder genau zur rechten Zeit oder nie. Lasst uns trinken.

 

Auf all die Gefühle, die wir hatten. Lasst uns trinken.

 

Und auf die Gefühle, die wir hinterher doch nicht hatten. Lasst uns trinken.

 

Auf das Blasen des Windes, der sich immerfort selbst wegbläst. Lasst uns trinken.

 

Auf die Wolke, die in Schweinsgestalt am Himmel erscheint und weiterjagt. Lasst uns trinken.

 

Auf den Stifter des Weins! Lasst uns trinken.

 

Auf die sauersüße Abendsonne, die die Farbe von Wein hat. Lasst uns trinken.

 

Auf das Brot und auf die Fische. Lasst uns trinken.

 

Die Fische sind bereits erwähnt, nicht wahr? Lasst uns trinken.

 

Auf die Mittagsstunde, die einer Nacht gleicht. Lasst uns trinken.

 

Auf den Schwamm mit Essig, in den wir schließlich alle beißen müssen. Lasst uns trinken.

 

Lasst uns trinken auf diejenigen, die uns vorausgegangen sind, und auf alle redlichen und redlich unredlichen Hinterbliebenen. Lasst uns trinken.

 

Auf diejenigen, die uns alles bis zum Übermaß vorgemacht haben. (und nicht allein das Trinken). Lasst uns trinken.

 

Auf die Dinge, die sich wiederholen (dreimal wiederholen). Lasst uns trinken.

 

Ja, lasst uns trinken, wir sind gewarnt: Unser Schiff sinkt schon von Beginn an. Lasst uns trinken.

 

(Trinken wir auf die Ratten, siehe oben)

 

 

 

 

aus dem Niederländischen von Hedwig von Bülow

 

 

 

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